Tagebuch Opa (Seite 10)
behelfsmäßig umgebaut. Welches Gefühl, in einem Zug zu liegen, auch wenn er nur langsam fuhr. Nachts halt, eine Schiene war [am Rand: 10.6.] gesprengt worden, aber das kam in dieser Gegend öfter vor! Die Bahn-Pioniere waren schon da, es wurde lange „geklopft“, dann ging es ganz langsam weiter. Man hörte jedesmal den „Krach“, wenn das Rad über das Loch stolperte. Schließlich waren auch wir „drüben“, dann ging es wieder langsam normal weiter. Am 12.6. wurden wir entladen, kamen in ein Lazarett, Name des Orts unbekannt! (BSG 24/48, Leuko 15.000) am 20.6. 10.500 Leuko. Bis zum 25.6. keine Erinnerung, aber: am 25.6. Bahnstrecke gestört, wir kamen durch Mogilew, – in Deschkow Minen und Bomben, am 26.6. kamen wir aus Tolotschin knapp ¼ Std. vor russischen Panzern heraus und erreichten in Borissow das Feldlazarett 227. Nachts war ein Feuerangriff über 5/4 Stunden! Am 27.6. Fliegeralarm vor Minsk! Weiter über Wilna – Grodno – Bialystok – Lyck am 30.6. nach Sudauen –, hier Aufnahme im Kriegslazarett 4/904! Wenn ich etwa vom 12.–25.6. keine Erinnerung habe, beweist das nur, dass sich nichts ereignete, was Eindruck machte, warum auch immer. Wahrscheinlich kamen wir auf dieser Strecke nicht weiter. Wegen „Brückensprengung“ mussten wir ja einen größeren Umweg weiter nördlich nehmen, und hier waren die Russen von Norden her in unsere Stellungen eingebrochen! Wir kamen ja in „Tolotschin“ (s.o.) gerade noch vor russischen Panzern vorbei!, da wacht man dann wieder auf! Aber in Sudauen war es jetzt endgültig friedlich! Es war ein nettes, sauberes Haus, Militär-Ärzte aber sonst vorwiegend zivile Besetzung, ich lag mit noch 3 Offizieren in einem schönen Raum, wir wurden gründlich untersucht und sehr gut versorgt. Leuko [durchgestrichen: 15.000] 7.800, BSG. 24/47. Ich versuchte schon, eine Zigarre zu rauchen, aber sie schmeckte mir noch nicht.
Anmerkungen zum Kontext
- Die Fluchtroute: Die genannten Stationen zeichnen exakt den Rückzugsweg der Heeresgruppe Mitte während der sowjetischen Sommeroffensive („Operation Bagration“) nach:
- Mogilew: Wurde am 28. Juni von der Roten Armee eingenommen.
- Tolotschin (Talachyn): Ein wichtiger Bahnknotenpunkt westlich von Orscha. Dass sie dort „knapp ¼ Std. vor russischen Panzern“ entkamen, zeigt, wie knapp die Einkesselung vermieden wurde.
- Borissow (Barysaw): Überquerung der Beresina.
- Sudauen: Der deutsche Name (1941–1945) für die polnische Stadt Suwałki. Damit hatte der Autor das „sichere“ Reichsgebiet (Ostpreußen/Suwalki-Zipfel) erreicht.
- Medizinische Werte:
- BSG: Blutsenkungsgeschwindigkeit (ein Entzündungswert).
- Leuko: Leukozyten (weiße Blutkörperchen). Der Wert von 15.000 (hoch) auf 7.800 (normal) zeigt die Genesung von der Infektion an.
- Lücke in der Erinnerung (12.–25.6.): Der Autor wundert sich über seinen Gedächtnisausfall. Historisch gesehen war dies die „Ruhe vor dem Sturm“ bzw. der Beginn der Offensive am 22.6., deren volles Ausmaß das Lazarettpersonal vermutlich erst verzögert erreichte, bis die panische Flucht am 25./26.6. losging.