Tagebuch Opa (Seite 11)
Am 5.7. verließen wir wieder Sudauen, mit einem schönen Lazarettzug. Es ging über Lyck, Allenstein, D. Eylau (6.7.) – Thorn – Jarotschin – Pleschen – Jarotschin (hin und her) – Posen! – Pudewitz, hier abends Entladung, Lazarett aber nur für Chirurgie, daher am nächsten Tag wieder von Pudewitz nach Posen, am 7.7. landete ich in einem großen Lazarett, jetzt Res. Laz. II! Endlich an der richtigen Stelle! Ich lag in einem schönen 2-Bett Zimmer, mit bester Behandlung und Versorgung! Gew. [Gewicht] noch 58 kg! Ich konnte Mama nach Teschen schreiben, sie rief mich telefon. an, in 2 Tagen war sie bei mir! Alles bestens! BSG. 15/30, Leuko 5.600, Ery 3,8, Hb 59/74, Gew. 58,8!, am 1.8. 62 kg. Der Militär-D-Zug fährt am 5.8., Mama kam am 4.8. mit den 3 Kindern aus Teschen! Der Professor der Klinik und alle Mitarbeiter waren äußerst nett und hilfsbereit. Am Morgen des 5.8. fuhren wir alle zum Bahnhof, der Zug nach Karlsruhe war leer, wir stiegen ein, hatten ein 2. Kl. Abteil ganz für uns. Aber einer spinnt immer: der Bahn-Schaffner will die zivile Familie nicht mitnehmen, ich lasse den Zug-Offizier kommen, der will auch nicht, wenn der Schaffner nicht will! Langer Disput, ich gebe nicht nach. Der Zug-Offz. verlangt jetzt nur noch, dass ich in Dresden während des Haltes des Zuges nachträglich vom obersten Bahnhof-Offizier die Mitnahme der Familie schriftlich genehmigen lasse! Wir kommen in Dresden an, der Zug hat schon wieder Ausfahrt, ich muss noch zum zuständigen Bahnhofs-Offizier. Der Weg ist lang, ich kann nicht schnell laufen, finde aber bald den Offizier. Der wundert sich, drückt einen Stempel auf mein Papier und unterschreibt. Er meint, das wäre doch selbstverständlich! Der Zug steht noch am Bahnsteig, ich steige ein und er fährt! Am 6.8. vorm. [vormittags] in Karlsruhe, ein anderer D-Zug fährt uns nach Freiburg, wir sind zu Haus! Alles in bester Ordnung !!!
Anmerkungen zum Kontext
- Route: Die Route führt durch das damalige Ostpreußen und den „Warthegau“: Lyck (Ełk), Allenstein (Olsztyn), Deutsch Eylau (Iława), Thorn (Toruń), Jarotschin (Jarocin), Posen (Poznań).
- Pudewitz: Deutscher Name für Pobiedziska (bei Posen).
- Teschen: Die Stadt Teschen (Cieszyn/Těšín) an der Grenze zu Tschechien/Polen. Dorthin war die Familie des Autors offenbar evakuiert worden, nachdem sie vorher in Drossen war.
- Res. Laz. II: Reservelazarett II.
- Medizinische Werte: Die Werte zeigen eine deutliche Erholung an.
- Gewicht: Von kritischen 58 kg (bei seiner Körpergröße als Mann) erholt er sich auf 62 kg.
- Leuko (Leukozyten): Mit 5.600 wieder im Normalbereich (nach den infektbedingten 15.000 auf Seite 9).
- Hb (Hämoglobin): Steigt von 59 auf 74 % (damalige Messweise), was das Ende der Anämie anzeigt.
- D-Zug: Durchgangszug (Schnellzug). Dass er als Militärangehöriger den „Militär-D-Zug“ nutzen durfte, aber seine zivile Familie mitnehmen wollte, führte zu dem Konflikt mit dem Schaffner.
Damit ist der Bericht über die dramatische Rettung aus dem Kessel der Heeresgruppe Mitte und die Heimkehr abgeschlossen.