Tagebuch Opa (Seite 12)
„Vorläufige“ Heimkehr aus Russland am 6.8.44 nach der Fleckfiebererkrankung dann Lazarett-„Tätigkeit“ in Schwäb. Hall, schließlich Gefangenschaft in Mergentheim.
Nachdem wir uns in Freiburg wieder richtig eingerichtet haben, musste ich mich im Standort-Lazarett Frbg. [Freiburg] melden und erhielt „ambulante Behandlung“. Zur Erholung der ganzen Familie machten wir alle „Urlaub“ am Wiedener Eck vom 18.9. bis 2.10.! Mama musste mir dort tägl. eine „intrapopole“ Spritze geben, aber das war ja nicht aufregend. Allerdings mussten wir damals, um zum „Wiedener Eck“ zu kommen, mit der Schau- inslandbahn hinauf fahren, dann zu Fuss weiter, das Gepäck im Sport-Kinderwagen von Ingrid! Zum Überfluss, bes. [besonders] schlief Ingrid noch auf dem Gepäck! Oben war es dann sehr schön, das Hotel fast völlig leer, wir mussten nur aufpassen, dass uns unterwegs keine französ. Jagdflieger erwischten, um uns zu jagen. Wir konnten aber immer rechtzeitig in Deckung gehen. Am 2.10. gingen wir wieder wie gehabt zurück, eine bessere Verbindung gab es damals nicht.
Der „Urlaub“ hatte uns gut getan, nur meine „Beine“ waren noch stark geschwollen. Mein Gewicht am 3.11. = 67,0 kg! Es wäre alles so schön gewesen, aber am 27.11., als wir gerade am Abendbrot- Tisch sassen, erfolgte der Fliegerangriff ohne Voralarm von 19.55 bis 20.15!! Wir rannten sofort in den Keller, es donnerte ganz gewaltig! Gegenüber von unserer Wohnung war eine „Luftmine“ niedergegangen! Im Nachbarhaus Nr. 4 lag eine grosse Bombe im Keller, die aber nicht explodiert war! Sonst wäre von uns nichts übrig geblieben. – Als alles vorbei war, gingen wir in unsere Wohnung, alles zerstört, unbewohnbar! Wir gingen ins Diak. Haus: Im Keller wurde mit Notlicht operiert! Wir fanden aber noch eine Ecke, in der wir „schlafen“ konnten. Am 28.11.44 ging ich vormittags noch zum Ev. Stift, das aber auch
Anmerkungen zum Kontext
- Wiedener Eck: Ein bekannter Passübergang und ein Hotel im Schwarzwald (südlich von Freiburg).
- Schauinslandbahn: Die Seilbahn auf den Freiburger Hausberg. Da Treibstoff knapp war (keine Busse/Autos), nutzte die Familie die Bahn und lief den restlichen Weg über den Grat zum Wiedener Eck.
- „intrapopole“ Spritze: Ein scherzhafter Ausdruck des Autors für eine intramuskuläre Injektion in den Gesäßmuskel (Popo).
- Französ. Jagdflieger: Im Herbst 1944 rückten die Alliierten durch Frankreich vor. Tieffliegerangriffe (Jabos) waren im Rheintal und Schwarzwald an der Tagesordnung.
- 27.11.1944 (Operation Tigerfish): Der verheerendste Luftangriff auf Freiburg durch die Royal Air Force. Rund 2.800 Menschen starben, die historische Altstadt wurde fast vollständig zerstört. Die Zeitangabe des Autors (19:55 bis 20:15 Uhr) deckt sich exakt mit den historischen Berichten.
- Luftmine: Eine sehr große, dünnwandige Sprengbombe (Blockbuster), die durch ihre Druckwelle Dächer abdeckte und Gebäude zum Einsturz brachte, damit die nachfolgenden Brandbomben besser wirken konnten.
- Diak. Haus: Gemeint ist das Diakonissenkrankenhaus in Freiburg-Wiehre. Da die Wohnung der Familie (laut Seite 1 in der Hauptstr. 2) zerstört war, suchten sie dort Zuflucht.