Tagebuch Opa (Seite 13)
ausgebrannt war! Aber eine Schwester lief in den Trümmern herum und konnte mir mitteilen, dass meine Mutter lebte, und dass die Bewohner alle in den „Schwarzwald“ gebracht würden! Den Angriff hatten sie in dem grossen „Schlossberg-Bunker“ überstanden. Nachmittags fuhr uns ein junger „Bewohner“ unseres Hauses, den wir garnicht kannten, mit unserem „Gepäck“ nach Waldkirch, dort sollte es Unterkunft geben! Wir hatten Glück, es wurde uns eine nette 3-Zimmer Wohnung zugewiesen (die Besitzerin war als „Bäckerin“ bei ihren Eltern tätig und wohnte dort auch). Wir sollten in ihrer Wohnung alles benutzen, was wir fanden, auch die z.T. eingemachten Lebensmittel! Nur waren auch in Waldkirch öfter einzelne Flieger- angriffe! Ein grosser Felsen-Bunker war zwar dort, aber weit weg! Ich musste mich noch in Freiburg beim Lazarett melden, die waren schon „böse“, & denn sie hatten mich schon vermisst! Aber schließlich war mir meine Familie wichtiger als das Militär!
Mama hatte schon öfter Verbindung mit 2 Studentinnen in Freiburg gehabt, die „Beziehungen“ zu 2 Offizieren unserer Division hatten, die auch mich kannten. Mama hatte diese Mädchen manchmal zum „Essen“ bei sich, weil sie genug Lebensmittel- karten (durch unsere Kinder) hatte. Das waren Töchter eines Arztes in Aalen, der Mama sagen liess, sie könnte im Notfall mit den Kindern kommen und bei ihnen wohnen. Wegen der Fliegerangriffe in Waldkirch entschlossen wir uns, über Furtwangen – Ulm am 8.12. nach Aalen zu fahren. Der Empfang durch die Arztfrau war aber so unsympathisch, dass wir am 10.12. über Nürnberg – Leipzig nach Drossen fuhren, denn dort wohnten nur Lotti und Ami mit ihren Kindern, denn Mutti war ja bei Karla in „Prag“! In Drossen hatten wir ja viel Platz, dort war auch alles ruhig, tiefster Frieden.
Anmerkungen zum Kontext
- Schlossberg-Bunker: Ein großer Luftschutzstollen im Freiburger Schlossberg, der beim Angriff am 27.11.1944 Tausenden das Leben rettete.
- Waldkirch: Eine Stadt nordöstlich von Freiburg am Eingang zum Elztal.
- Drossen (Ośno Lubuskie): Die Familie kehrt also im Dezember 1944 genau dorthin zurück, wo sie herkam (siehe Seite 1).
- „Tiefster Frieden“: Dieser letzte Satz wirkt aus heutiger Sicht beklemmend. Drossen lag in der Neumark (heute Polen). Nur wenige Wochen nach diesem Eintrag, im Januar 1945, startete die Rote Armee die Weichsel-Oder-Operation. Drossen wurde Ende Januar/Anfang Februar 1945 Kampfgebiet. Dies erklärt auch die Überschrift auf der allerersten Seite: „Gefangenschaft bis Januar 1946“. Die Flucht vor dem Bombenterror im Westen führte die Familie direkt in den Vormarsch der Sowjetarmee im Osten.