Tagebuch Opa (Seite 14)
Ich musste mich ja wieder beim Standort-Lazarett melden, ich war wieder ohne vorherige Genehmigung von Waldkirch über Aalen nach Drossen „gezogen“. Die Behandlung konnte ja auch dort durchgeführt werden, aber dazu musste ich mich erst im Krkhs. [Krankenhaus] Frankfurt/Oder bei einem Professor der Inn. [Inneren] Medizin melden, der auch aus der Vorkriegszeit mit Hans [Haus?] gut bekannt war. Und so kam die nächste Komödie: Ich unterhielt mich mit dem Professor, er blätterte in meinen Akten, (Woher kamen die eigentlich nach Drossen?) Er war mit den Befunden recht zufrieden, auch den Rö. Aufn. [Röntgenaufnahmen] und EKG (die konnten doch nur aus Posen stammen!) Dann meinte er, ich wäre ja nun schon fast 8 Monate krank, ich könnte ja nun noch 3 Wo. [Wochen] Genesungsurlaub bekommen und dann so langsam mit leichteren Arbeiten anfangen. Ich sagte nur: „Vielleicht sehen Sie sich mal meine Beine an“. Ich legte mich aufs Sofa und zog die Hosen hoch: Er sah und bekam ein furchtbar rotes Gesicht! So dicke Beine (Knöchel, Unterschenkel) hatte er wohl lange nicht gesehen! Ich konnte ja nicht einmal „Schaftstiefel“ tragen! Die Halbschuhe, die ich trug, waren sogar verboten für Offiziere! So geht es, wenn man Krankheiten nur durch Ansehen der Akten und technischen Befunde beurteilt!
Ich wurde also weiter in Drossen behandelt, es ging mir auch langsam etwas besser. Da ich wissen wollte, wo meine Mutter steckt (nach dem Bombenangriff war sie nach Breitnau gekommen), fuhr ich am 3.1.45 nach Hinterzarten und Breitnau, aber da waren sie nicht mehr. Ich erfuhr, dass sie in Hinterzarten in einem kleineren Hotel untergebracht war und fand sie auch, es ging ihr ganz ordentlich. Dann fuhr ich noch nach Freiburg und sah mir unsere zerstörte Wohnung an, es war alles verändert. Ich suchte noch ein paar Sachen zusammen.
Anmerkungen zum Kontext
- Bürokratie vs. Realität („Akten-Medizin“): Die Szene im Lazarett Frankfurt/Oder ist bezeichnend für die späte Kriegsphase. Während an den Fronten Chaos herrschte, versuchte die Wehrmachtsverwaltung, den Schein der Ordnung zu wahren. Der Professor beurteilte den Patienten nach „Aktenlage“ (Röntgenbilder, EKG aus der Vergangenheit), um ihn möglichst schnell wieder dienstfähig zu schreiben („arbeitsfähig“). Der Autor entlarvt diese Haltung drastisch, indem er die physische Realität (die massiv geschwollenen Beine) präsentiert. Dies zeigt auch die medizinischen Spätfolgen seiner Fleckfiebererkrankung (Herzschwäche/Rechtsherzinsuffizienz oder postthrombotisches Syndrom), die zu Wassereinlagerungen (Ödemen) führten.
- Schaftstiefel vs. Halbschuhe: Ein interessantes Detail zur militärischen Etikette. Für Offiziere der Wehrmacht gehörten hohe Schaftstiefel (Reitstiefel-Optik) zur vorschriftsmäßigen Uniform (Anzugsordnung). Das Tragen von Halbschuhen galt als unmilitaerisch oder war nur im Innendienst/Lazarett gestattet. Dass der Autor aus medizinischen Gründen keine Stiefel tragen konnte, war für den vorschriftsgläubigen Professor ein sichtbarer Affront gegen das soldatische Bild, das bis zum Schluss aufrechterhalten werden sollte.
- Reisefreiheit im Januar 1945: Es ist historisch bemerkenswert, dass der Autor Anfang Januar 1945 – also weniger als vier Monate vor Kriegsende – noch eine private Reise quer durch das Reichsgebiet unternehmen konnte: Von Drossen (an der Oder, heute Polen) bis in den Schwarzwald (Hinterzarten/Breitnau) und zurück. Dies belegt, dass die Reichsbahn trotz massiver alliierter Luftangriffe auf Verkehrsknotenpunkte bis fast zuletzt auf bestimmten Strecken noch funktionierte, wenngleich mit Verspätungen und Risiken.
- Hinterzarten / Breitnau: Diese Orte im Hochschwarzwald dienten als klassische Ausweichquartiere für die ausgebombte Bevölkerung von Freiburg (nach dem Angriff vom 27.11.1944). Die Hotels und Pensionen waren zu Notunterkünften oder Lazaretten umfunktioniert worden.
- Frankfurt (Oder): Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt (Januar 1945) ein zentraler Logistik- und Sanitätsknotenpunkt direkt hinter der Ostfront. Nur wenige Wochen nach dieser Episode (Ende Januar/Anfang Februar) wurde Frankfurt zur „Festung“ erklärt und Schauplatz schwerer Kämpfe.