Tagebuch Opa (Seite 16)
nach Augsburg aus und besorgte Fahrkarten und die nötigen Papiere, damit wir alle mit diesem Zug fahren durften. Abends waren wir dann am Anhalter Bahnhof, der Zug war aber schon völlig überfüllt, wir fanden endlich einen Wagen, wo wir noch im Gang stehen konnten! Schließlich wurde mit schweren Hämmern an den Rädern und Bremsen geklopft, bis es schließlich hieß: Alles aus diesem Wagen aussteigen, der Wagen muss zurück bleiben!! Jetzt war nirgends mehr ein Stehplatz zu bekommen. Ich rief bei Agnes an, wieder zurück nach Schlachtensee! Am 29.1. waren wir dann 1 Std. früher am Zug, wir fanden dann ein noch leeres Abteil. Der Zug fuhr bis Augsburg, abends konnten wir dann nach „Freiburg“ weiter fahren.
Damals waren die Menschen wesentlich hilfsbereiter als heute. Wir sprachen mit vielen, wo man wohl hinter Ulm eine „Wohnung“ finden könnte. Der beste Vorschlag war dann: fahren Sie bis Sigmaringen, auf dem Bahnhof sind 2 ordentliche Baracken, eine für Militär, eine für Zivilisten. Wir kamen abds. am 30.1.45 an, ich konnte die Familie in einer Baracke gut unterbringen, für mich fuhr bald ein Zug nach Ulm zurück, dort war der „Standort“ unserer Division, bei der ich mich melden musste, nachdem ich „gesund“ geschrieben worden war. Abds. am 31.1. kam ich wieder nach Sigmaringen, die Familie war gerade auf dem Bahnsteig. Ich konnte also in „meiner“ Baracke schlafen. Am 1.2. erkundigten wir uns in Sigmaringen nach einer Dauer-Unterkunft, wir wurden nach Hettingen geschickt! Der Bürgermeister zeigte uns 2 Wohnungen, die taugten aber beide nichts. Die Familie blieb in einer Wohnung, der Bürgermeister versprach, am nächsten Tag eine gute Wohnung zu finden. Ich selbst musste nachmittags über Tübingen nach Esslingen fahren, dort musste ich mich melden, ich weiss nicht mehr „warum“. Von dort
Anmerkungen zum Kontext
- Anhalter Bahnhof: Einer der wichtigsten Fernbahnhöfe Berlins, von dem aus Züge nach Süden (München, Italien, Österreich) fuhren. Die Szene mit dem abgekoppelten Waggon verdeutlicht den maroden Zustand der Reichsbahn kurz vor Kriegsende.
- „Freiburg“ in Anführungszeichen: Da die Wohnung der Familie in Freiburg zerstört war (siehe Seite 11), setzt der Autor den Ortsnamen vermutlich in Anführungszeichen, um anzudeuten, dass dies zwar die grobe Richtung, aber nicht mehr das „Zuhause“ im eigentlichen Sinne war – oder dass der Zug das Zielschild „Freiburg“ trug.
- Standort Ulm: Die 260. Infanterie-Division (bzw. deren Ersatztruppenteile) hatte ihren Friedensstandort im Wehrkreis V (Stuttgart/Ulm/Ludwigsburg).
- Hettingen: Ein Ortsteil der Stadt Gammertingen im Landkreis Sigmaringen (Schwäbische Alb). Dies war ein typisches Rückzugsgebiet („Ausweichquartier“) für Flüchtlinge und Ausgebombte, da es fernab der großen Industriezentren und damit der Bombenziele lag.
- Datum: Die Datierung (Ende Januar/Anfang Februar 1945) zeigt, dass die Familie nur wenige Wochen vor dem totalen Zusammenbruch der Westfront noch quer durch Deutschland reisen konnte, während im Osten bereits die Rote Armee auf Berlin vorstieß.