Tagebuch Opa (Seite 17)
musste ich weiter, wieder nach Ulm, konnte aber abds. [abends] wieder weiter nach Sigmaringen, zur bekannten Baracke. Am 3.2. war ich wieder in Hettingen. Mama hatte inzwischen eine schöne Wohnung für uns gefunden, bei sehr netten Leuten. So waren wir wieder zusammen und hatten noch 3 Wochen für einen ruhigen „Urlaub“. Am 19.2. musste ich dann mit Unterbrechung in Ulm und Stuttgart (Untersuchung wegen Dienstfähigkeit) weiter nach Schwäbisch- Hall und bezog am 21.2. das (Diakonissen-) Krkhs. [Krankenhaus] als neue „Arbeitsstelle“. Ich hatte nicht viel zu tun (eigentlich garnichts), konnte viel ruhen (in meinem 2-Bett Zimmer, in dem ich meist allein wohnte), und so erholte ich mich weiter. Nur, wenn Neuaufnahmen kamen, musste ich mich um die richtige Unterbringung kümmern, also eine faule, gesunde Tätigkeit.
Am 1.4. erhielt ich den letzten Brief von Mama, am 7. herrschte noch Ruhe in Hall, die amerikan. Panzer standen vor Schw. Hall, am 17.4. zogen sie bei uns ein. Es war gut, dass ich jetzt wieder mehr oder weniger aktiv beim Militär war, so kam ich in amerikan. Gefangenschaft. Wäre ich in „Hettingen“ gewesen, hätten mich die Franzosen einkassiert und in irgend ein französisches Lager gesperrt, und dort ging es den Gefangenen meist sehr schlecht!
Am 21.4. wurden die Verwundeten aus Schw. Hall in die frühere, jetzt leere Kaserne von Mergentheim verlegt. Am 22.4.45 wurden alle Ärzte und Sanitäter ebenfalls in diese Kaserne gebracht. Jetzt waren wir also in richtiger amerikanischer Gefangenschaft, hinter Schloss und Riegel. Die Kaserne war in ordentlichem Zustand, alle Betten frisch bezogen. Etwa 12 Stationen zu je fast 100 Betten. Die Ärzte wurden auf die Stationen verteilt, ich hatte mit einem Zahnarzt ein Doppelzimmer. Auf meiner Station hatte ich 4 Diakonissen-
Anmerkungen zum Kontext
- Sigmaringen vs. Schwäbisch Hall: Sigmaringen wurde am 22. April 1945 von französischen Truppen eingenommen und gehörte fortan zur Französischen Besatzungszone. Schwäbisch Hall hingegen wurde am 17. April 1945 von US-Truppen besetzt (Amerikanische Zone). Die Befürchtung des Autors war begründet: In den französischen Lagern waren die Bedingungen (Versorgung mit Nahrungsmitteln) in den ersten Monaten nach Kriegsende oft katastrophal schlechter als in den amerikanischen Lagern.
- Bad Mergentheim: Die Stadt diente als Lazarettstadt („Schutzgebiet“ gemäß Genfer Konvention). Die US-Armee nutzte die Kasernen der Deutschorden-Kaserne als Sammellager und Lazarett für Kriegsgefangene.
- Diakonissen: Evangelische Krankenschwestern, die oft in protestantisch geprägten Krankenhäusern (wie dem Diak in Schwäbisch Hall) arbeiteten. Der Satz bricht ab, vermutlich geht es auf der nächsten Seite weiter mit „...-Schwestern“ oder ähnlich.
Der Satz auf der ersten Seite („Gefangenschaft bis Januar 1946“) deutet an, dass der Autor dieses halbe Jahr in Mergentheim oder einem ähnlichen Lager verbringen wird, bevor er wieder freikommt.