Tagebuch Opa (Seite 20)
„schwarze Franzosen“ (Algerier) auf dem Bahnhof, sehr unangenehm, aber wir kamen hinaus, ohne aufzufallen, und gingen zu einem Studien- freund meines Begleiters, der in der Nähe wohnte. Er war zu Haus und sass im Mantel im Zimmer, denn es war draussen kalt, er steckte aber gleich den Bullerofen an. In 2 Std. fuhr ein Zug nach Freiburg, wir kamen ganz gut hinein und abds. in Freiburg ohne Kontrolle hinaus. Ich ging ins Diakonissenhaus, er zu seiner Frau in Herdern. Die Schwestern freuten sich, und ich schlief dann gut in einem Krankenzimmer des D.H. [Diakonissenhaus]. Das Schwierigste war für mich am 13.1.46 überstanden!
Am nächsten Tag ging ich gleich in unsere zukünftige Wohnung Pforzheimer- str. 1 [Zahl korrigiert/undeutlich, evtl. 11?], denn die frühere Haushälterin des Generals wohnte noch dort. Sie wollte mich erst nicht hinein lassen, aber schließlich verstand sie doch, dass mir die Wohnung schon lange zusteht. In allen Zimmern standen noch die Möbel mit Inhalt, aber in 2 Tagen sollten die ganzen Erben zur Besichtigung und „Aufteilung“ kommen. Ich gab ihr einen Tag Zeit, 2 meiner Räume ganz zu leeren, denn am nächsten Tag wollte ich einziehen. Die 2 Zimmer waren auch frei, als wir mit den „Möbeln“ kamen: Auf einem grösseren „Handwagen“ zogen wir ein, mit Hilfe eines früheren Pflegers, zeitweise half noch mein „Kollege“, mit dem zusammen ich aus Mergentheim gekommen war. Die Möbel standen noch z.T. in der zerstörten Wohnung (gestohlen wurde damals nichts!), z.T. im Keller. Das Haus war nur eine Querstrasse entfernt. Was für uns noch brauchbar war, wurde mitgenommen. Für die schweren Sachen hatten wir abends noch einen kräftigen Helfer! Bald hatten wir alles „Brauchbare“ in unserer Wohnung oder im neuen Keller. (Die Erben hatten Verständnis für unseren schnellen Umzug, ihre Sachen wurden schnell aus unserer Wohnung geholt). Mit Mama hatte ich natürlich sofort in Hettingen telefoniert, so kamen sie alle nach einigen Tagen,
Anmerkungen zum Kontext
- „Schwarze Franzosen“ (Algerier): In Offenburg (Grenze zur Französischen Zone) stationierte Frankreich Kolonialtruppen. Der Autor spiegelt hier die damals verbreiteten Ängste und rassistischen Vorbehalte der deutschen Bevölkerung wider. Historisch gesehen unterschied man zwar zwischen den Tirailleurs Sénégalais (Schwarzafrikaner) und den Truppen aus dem Maghreb (Algerier/Marokkaner), aber im Volksmund und in der Wahrnehmung des Autors wurde dies oft vermischt (daher die widersprüchliche Bezeichnung „schwarze... (Algerier)“).
- Herdern: Ein Stadtteil im Norden von Freiburg, der von den Bombardierungen weniger stark betroffen war als die Innenstadt.
- Pforzheimerstr.: Eine Straße dieses Namens existiert im heutigen Freiburg nicht (mehr). Es könnte sich um eine Umbenennung handeln oder um einen Schreibfehler des Autors in der Erinnerung (evtl. Pforzheimer Straße in Karlsruhe im Kopf gehabt?). Angesichts der Nähe zur „zerstörten Wohnung“ (Hauptstraße 2) und dem Diakonissenhaus könnte es sich um eine Straße in der Wiehre oder Herdern handeln.
- Plünderungen: Die Bemerkung „gestohlen wurde damals nichts“ ist bemerkenswert, da Plünderungen in den chaotischen Nachkriegswochen in vielen Städten an der Tagesordnung waren.
- Das Ende: Mit dem Einzug in die neue Wohnung und dem Anruf bei der Familie in Hettingen endet diese Odyssee. Der Kreis schließt sich: Vom Ausbruch des Krieges 1939 über die dramatische Rettung von der Ostfront 1944 bis zur Wiedervereinigung der Familie im Frieden Anfang 1946.