Tagebuch Opa (Seite 21)
mit einem offenen Lastwagen und allem Zubehör aus Hettingen: Mama, die 3 Kinder, Mutti und Karla, alle waren zufrieden mit der neuen „Wohnung“ und den Betten, nur Karla nicht, ihr (mindestens) ¾ Bett war ihr etwas zu kurz! Mami war noch irgendwo „im Stift“, aber sie kam dann auch. Durch die Fenster konnten wir allerdings nicht viel sehen, denn überall waren noch die „trüben“ Kunststoff-Fenster, aber das wurde dann ja auch „in Ordnung“ gebracht. Die Öfen und der Herd funktionierten, wir brauchten nicht zu hungern und zu frieren, der Aufbau begann. Der Krieg war zu Ende, und wir lebten noch alle!
Hosemann hatte gleich gesagt, ich solle nicht vor dem 1. April anfangen. Darüber war ich jetzt sehr froh, denn es gab noch viel zu tun. Auch der „französische Offizier“, der das Diak. Haus überwachte, wollte auf keinen Fall, dass ich gleich anfange, er musste anscheinend noch „meine Person“ überprüfen.
Das evangel. Stift suchte noch eine Unterkunft, sie fanden schließlich die Luisenhöhe als vorläufige Bleibe, sie musste nur noch als „Heim“ hergerichtet werden, das Haus war sehr verwahrlost!
Der für mich fast 7-jährige Krieg war endgültig beendet. Ich war glücklich, dass Hosemann mir die Oberarzt-Stelle am D.H. [Diakonissenhaus] aufgehoben hatte, ich wollte langsam anfangen, denn ich musste erst wieder vieles lernen, was ich in der langen Zeit „an der Front“ fast vergessen hatte. Natürlich war es jetzt mit der Habilitation aus, mit der ich am 1.10.39! an der Freiburger Universitätsklinik hätte anfangen sollen, aber die Russen* wollten es nicht, und ich war deshalb nicht traurig, denn die Hauptsache, wir waren jetzt wieder alle zusammen. Es fehlte nur noch Christian, der erst am 20.8.49 im Diak. Haus Frbg. geboren wurde. Als Mama mit ihm nach Haus gekommen war und Mama abends an seinem „Bettchen“ stand, sagte sie: „Eigentlich wollte ich ja 6 haben, aber ich glaube, jetzt reicht es doch!“
(*) besser: die russischen Läuse
Anmerkungen zum Kontext
- Kunststoff-Fenster: Da Glas extrem knapp war, wurden Fenster in zerstörten Städten oft provisorisch mit Pappe, ölgetränktem Papier oder eben trüben Kunststofffolien/Zelluloid verschlossen.
- Hosemann: Prof. Dr. Gustav Hosemann, der bereits auf der ersten Seite erwähnte Chef. Er war Direktor der Chirurgie am Uniklinikum, arbeitete nach dem Krieg aber (wie hier ersichtlich) auch eng mit dem Diakonissenkrankenhaus zusammen.
- Luisenhöhe: Ein bekanntes Hotel und Höhenluftkurort in Horben bei Freiburg. Nach dem Krieg diente es oft als Ausweichquartier für soziale Einrichtungen oder Flüchtlinge.
- Habilitation: Die akademische Lehrbefähigung zur Professur. Der Kriegsausbruch am 1.9.1939 verhinderte die für den 1.10.1939 geplante akademische Karriere des Autors. Er entschied sich stattdessen für die praktische Arbeit als Oberarzt und gegen die universitäre Laufbahn.
- Die Fußnote (*): Der Autor macht einen bitter-ironischen Scherz. Im Text schreibt er, „die Russen“ hätten seine Habilitation verhindert. Am unteren Seitenrand korrigiert er sich mit „besser: die russischen Läuse“. Damit spielt er auf seine schwere Fleckfiebererkrankung an, die ihn fast das Leben gekostet hätte und ihn körperlich lange beeinträchtigte.
- Christian: Das vierte Kind („Nachzügler“), geboren 1949, markiert symbolisch den Beginn der neuen, friedlichen Ära und das endgültige Ende der Kriegsjahre.